Empfindliche Zähne -Pathophysiologie, Ätiologie und Therapie

Einleitung

Empfindliche Zähne, auch Dentinhypersensibilität (DH), ist eine weit verbreitete, nicht-pathologische Schmerzform der Zähne, die sich durch kurze, scharfe Schmerzreaktionen auf thermische, chemische, osmotische oder mechanische Reize äußert. Epidemiologische Studien zeigen eine Prävalenz zwischen 20 und 40 % in der erwachsenen Bevölkerung, mit einer Häufung im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Trotz dieser hohen Prävalenz ist die Erkrankung häufig unterdiagnostiziert und wird nicht selten mit pulpanahen Pathologien verwechselt.

Definition und klinische Charakteristika

Nach der Definition der Canadian Advisory Board on Dentin Hypersensitivity handelt es sich bei DH um:

„Einen kurzen, scharfen Schmerz ausgehend vom freiliegenden Dentin als Reaktion auf Reize, der nicht auf andere dentale Defekte oder Erkrankungen zurückzuführen ist.“

Charakteristisch ist:

  • sofortiger Schmerzbeginn nach Reizexposition
  • rasches Abklingen nach Reizentfernung
  • fehlende Spontanschmerzen
  • keine radiologisch sichtbare Pathologie

Pathophysiologischer Mechanismus

Die derzeit am besten akzeptierte Erklärung ist die hydrodynamische Theorie nach Brännström. Diese postuliert, dass externe Reize eine Flüssigkeitsbewegung innerhalb der offenen Dentintubuli auslösen. Diese Bewegung stimuliert mechanosensitive Nervenendigungen an der pulpanahen Grenze des Dentins, insbesondere A-δ-Fasern, was zu dem typischen, stechenden Schmerz führt.

Voraussetzung für das Auftreten von DH sind:

  1. Freiliegendes Dentin
  2. Offene, durchgängige Dentintubuli

Ätiologie und prädisponierende Faktoren

1. Gingivarezession

Der Rückgang des marginalen Zahnfleisches führt zur Exposition der Zahnhälse, die keinen schützenden Zahnschmelz besitzen. Häufige Ursachen:

  • chronische Parodontitis
  • traumatische Putztechniken
  • anatomische Prädisposition
  • kieferorthopädische Behandlungen

2. Verlust der Zahnhartsubstanz

Nicht-kariöse Zahnhartsubstanzdefekte spielen eine zentrale Rolle:

  • Abrasion (mechanisch, z. B. falsche Zahnbürstentechnik)
  • Attrition (Zahn-zu-Zahn-Kontakt, Bruxismus)
  • Erosion (chemisch, Säureeinwirkung)

3. Chemische Erosion

Exogene und endogene Säuren führen zur Demineralisation des Zahnschmelzes:

  • häufige Aufnahme säurehaltiger Getränke
  • gastroösophagealer Reflux
  • Essstörungen (z. B. Bulimie)

4. Iatrogene Faktoren

Zahnmedizinische Maßnahmen wie:

  • professionelle Zahnreinigung
  • Bleaching
  • Präparationen im Zahnhalsbereich
    können temporär die Permeabilität der Dentintubuli erhöhen.

Diagnostik und Differenzialdiagnose

Die Diagnose der Dentinhypersensibilität ist eine Ausschlussdiagnose. Folgende Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden:

  • Karies
  • Pulpitis (reversibel / irreversibel)
  • Zahnfrakturen
  • insuffiziente Restaurationen

Die klinische Diagnostik erfolgt meist durch:

  • Luftstrom
  • kalte Reize
  • mechanische Sondierung

Therapieansätze

1. Verschluss der Dentintubuli

Ziel ist die Reduktion der Flüssigkeitsbewegung. Bewährte Wirkstoffe:

  • Zinnfluorid
  • Arginin-Calcium-Komplexe
  • Strontiumchlorid
  • Hydroxylapatit

2. Reduktion der neuronalen Erregbarkeit

Kaliumsalze (z. B. Kaliumnitrat) senken die Erregbarkeit der pulpanahen Nervenfasern durch Depolarisation.

3. Professionelle zahnärztliche Maßnahmen

  • hochkonzentrierte Fluoridlacke
  • Dentinadhäsive oder -versiegler
  • Glasionomerzemente im Zahnhalsbereich

4. Präventive Strategien

  • Anpassung der Mundhygienetechnik
  • Verwendung wenig abrasiver Zahnpasten (niedriger RDA-Wert)
  • zeitlicher Abstand zwischen Säureexposition und Zähneputzen
  • Aufbissschienen bei Bruxismus

Prognose und klinische Relevanz

Bei konsequenter Ursachenbeseitigung und strukturierter Therapie ist die Prognose günstig. Unbehandelt kann die Dentinhypersensibilität jedoch persistieren, sich intensivieren und die orale Lebensqualität signifikant beeinträchtigen.

Fazit

Dentinhypersensibilität ist eine multifaktorielle, klar definierte klinische Entität mit gut verstandener Pathophysiologie. Eine differenzierte Diagnostik sowie evidenzbasierte therapeutische Maßnahmen ermöglichen in den meisten Fällen eine effektive und nachhaltige Symptomkontrolle.

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